Eine virtuelle Reise zu Ritter Iwein und Co. - FW 18.02.06

SCHMALKALDER BEITRAG ZUM ELISABETHJAHR 2007 Mit einer für Thüringen einmaligen 3-D-Animation soll das Heldenepos des Hartmann von der Aue lebendig werden

Eine virtuelle Reise zu Ritter Iwein und Co.

Haben Sie Lust auf eine Zeitreise ins Mittelalter? Möchten Sie an der Seite von Ritter Iwein zur Gesellschaft von König Artus Tafelrunde gehören, Abenteuer bestehen und wie in einem Imax-Kino mittendrin sein, wenn er am Ende eine schöne Frau und ein ganzes Königreich gewinnt? Auf Schloss Wilhelmsburg soll das bald möglich sein. „Es ist ein für deutsche Museen bisher einmaliges 3-Projekt“, sagt Museumsdirektor Kai Lehmann.

SCHMALKALDEN – Premiere soll am 30. Juni 2007 sein, eine Woche vor Beginn der Thüringer Landesausstellung auf der Wartburg, die thematisch ins Mittelalter führt und dabei anlässlich ihres 800. Geburtstages die Heilige Elisabeth von Thüringen in den Mittelpunkt stellt. „Das wird unser Schmalkalder Beitrag zum Elisabethjahr“, sagt Lehmann. Die Idee sei von allen Beteiligten begeistert aufgenommen worden.

Ausgangspunkt sind die berühmten Wandmalereien, die um 1220/1230 im Tonnengewölbe des Hessenhofes nach dem Iwein-Epos des Hartmann von der Aue entstanden. In eben jenem Haus soll sich einst die junge Elisabeth von ihrem Gemahl verabschiedet haben, bevor der an einem der Kreuzzüge teilnahm.

Ende des 19.Jahrhunderts freigelegt, gelten die Fresken als älteste Profanwandmalereien nördlich der Alpen. Das Original bleibt der Öffentlichkeit aus denkmalpflegerischen Gründen verschlossen. Seit Anfang der 90er Jahre vermittelt jedoch eine 1:1-Kopie im Keller unter der Schlosskirche einen räumlichen Eindruck dieser Kostbarkeit. Dieser Schatz sei jedoch in Schmalkalden noch nicht so geborgen worden, wie das eigentlich sein müsste. „Zudem haben wir bei Führungen auch immer wieder festgestellt, dass die sehr komplexe Iwein-Geschichte dem Besucher nur schwer nahe zu bringen ist“, so der promovierte Historiker. Die Idee einer filmischen Umsetzung des in 21 Szenen erhaltenen Helden-Epos gebe es schon länger, doch mit dem geplanten 3D-Projekt würden wirklich neue Wege beschritten. „Wir hätten dann nicht nur ein einmaliges Kunstobjekt in unserer Stadt, sondern wären auch die ersten, die kunsthistorische Bildung im Museum mit einer virtuellen Zeitreise ins 13. Jahrhundert verbinden!“

Überall, wo er das einmalige Projekt vorgestellt habe, sei er auf offe ne Ohren gestoßen, berichtet Kai Lehmann. Vom Landrat bis zum Wirtschaftsminister habe er in der Frage der Finanzierung offene Türen eingerannt. Kompetente Partner für die technische Umsetzung seien gefunden. Die Chancen, Fördergelder zu bekommen, seien sehr gut. „Für eine gute Idee kriegt man auch Mittel. Und ich bin sicher, dass wir die in spätestens anderthalb Jahren wieder eingespielt haben!“

Vorstellen muss man sich das ganze so: 30 Plätze inmitten eines größeren Raumes der Wilhelmsburg vor einer gekrümmten Leinwand. Über 3D-Brillen wird dem Besucher wie in einem Imax-Kino das Gefühl vermittelt, er sei mittendrin in der Geschichte. Wenn sich die Türen zum Iwein-Keller öffnen, fällt der Blick auf das Bild mit der vermeintlichen Hochzeitsszene, das zunächst zweidimensional dargestellt ist. – Musik und Lachen erklingen, man feiert, prostet sich zu. Rechts unten aus dem Bild tritt aus einer Gruppe von drei Musikanten ein Lautenspieler dreidimensional aus dem Bild heraus und reicht dem Besucher die Hand zu einer Zeitreise. Um diesen Reisebegleiter so echt wie möglich aussehen zu lassen, soll sein Part von einem Schauspieler eingespielt werden.

Plötzlich befindet sich der Besucher mit Hilfe seiner Spezialbrille mitten in einer wildromantischen Landschaft zum Pfingstfest an König Artus’ Hof. Am Abend trifft er auf eine Gruppe von vier Rittern, die vor Artus’ Schlafgemach Wache halten. Unter ihnen Ritter Iwein. Und da setzt die eigentliche Geschichte an. Dabei werden die Originalzeichnungen je nachdem zwei- dreidimensional animiert und alles natürlich mit den entsprechenden Geräuschen unterlegt. Das ist besonders eindrucksvoll, wenn Iwein am Zauberbrunnen Wasser schöpft oder wenn beim Ritterkampf die schweren Schwerter und Lanzen aufeinander prallen. In solchen Action-Szenen wechselt sogar die Perspektive des Zuschauers: Durch die Sehschlitze der Rüstung sieht er mit den Augen von Ritter Iwein den Kampf und wird – natürlich nur virtuell – von einer Lanze bedroht. „Bei alledem bemühen wir uns natürlich, nicht in Klischees zu verfallen. Immer wieder gibt es auch die Rückblendung zum Original. Schließlich wollen wir nicht nur ein nettes Filmchen bieten, sondern kunsthistorische Bildung vermitteln – das allerdings auf sehr einprägsame unterhaltsame Weise“, sagt Kai Lehmann. Das sei sicher eine Gratwanderung, für die man sich auch des Beistands einer Literaturwissenschaftlerin der Uni Bochum versichert habe.

Das A und O sei nun natürlich auch die richtige Vermarktung. Man werde versuchen, in der Landesausstellung auf der Wartburg mit einer ganz kurzen Sequenz des insgesamt 30-minütigen Films neugierig auf Schmalkalden zu machen. „Die Wartburg hat jährlich 450000 Besucher, mit der Landesausstellung sicher 500000. Wenn davon nur zehn Prozent auch nach Schmalkalden kommen, hätte sich der Aufwand schon zu zwei Dritteln amortisiert“, rechnet der Museumschef. „Das ist eine Geschichte, die 9- bis 99-Jährige begeistern wird und mit der wir auch die Einheimischen mal wieder auf die Burg locken. Vom langfristigen Werbeeffekt einer solchen Einmaligkeit in Schmalkalden auf der touristischen Strecke ganz zu schweigen.“ Und einen weiteren angenehmen „Nebeneffekt“ erhofft sich Lehmann noch von seiner Idee. „Vielleicht sensibilisieren wir auf diese Weise potenzielle Sponsoren auch für das Original im Hessenhof, das dringend der Restaurierung bedarf.“ Vielleicht könne ja auch diese einmalige Kostbarkeiten eines Tages wieder öffentlich zugänglich gemacht werden. Und dann könne Schmalkalden nicht nur als romantische Fachwerkstadt oder Hochschulstadt für sich werben, sondern auch als Iwein-Stadt. WALTRAUD NAGEL

Die Iwein-Sage in Kurzform

Anlässlich des Pfingstfestes am Hof des König Artus findet ein reger Erfahrungsaustausch unter den Rittern statt. Das inspiriert Ritter Iwein zu neuen Heldentaten und er zieht aus, um Abenteuer zu suchen. So gelangt er an einen Zauberbrunnen, der von Ritter Askalon bewacht wird. Es kommt zu einem dramatischen Kampf, in dem Askalon verletzt wird. Iwein verfolgt den Flüchtenden auf seine Burg und wird im Fallgitter des Tores gefangengenommen. Die Dienerin Lunete rettet ihn mit Hilfe eines Zauberringes, der ihn unsichtbar macht.

Inzwischen ist Askalon verstor ben und seine Frau Laudine beweint ihn. Da sie als Witwe schutzlos ist, rät man ihr, sich wieder zu vermählen und empfiehlt ihr den tapferen Ritter Iwein. Nach ausführlichen Beratungen findet ein herrliches Hochzeitsfest statt. Dann bricht auch König Artus mit Begleitern zum Zauberbrunnen auf. Iwein, der neue Brunnen-Beschützer, verteidigt diesen, erkennt aber schnell den Würdenträger. Nachdem ausführlich Wiedersehen gefeiert wurde, verlässt nicht nur der König den Hof, sondern auch Iwein, der Abenteuerurlaub von seiner Gattin nimmt. Iwein kämpft mit einem Drachen, der einen Löwen bedroht. Voller Dankbarkeit begleitet dieser seinen Retter auf weiteren Abenteuern.
Obwohl Iwein seine Urlaubsbefreiung weit überzogen hatte, wird er letztlich von seiner Frau Laudine herzlich begrüßt. (cn)

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