Rittersaga im Lara-Croft-Stil - Freies Wort 21.07.07

In Schmalkalden können Besucher den Iwein-Epos jetzt dreidimensional erleben

Rittersaga im Lara-Croft-Stil

Hochtechnologie zwischen historischen Mauern: Auf Schloss Wilhelmsburg erleben Besucher den Iwein-Epos aus der König-Artus-Sage in einem Animationsfilm dreidimensional nach.

Es schaut ein bisschen so aus wie in den ersten Computerwelten der virtuellen Superheldin Lara Croft. Die Landschaft, die mittelalterlichen Burgen, die heldenhaften Gesichter der Männer, die betonten Rundungen der Frauen. Nur, dass man in diese, in Iweins Welt, tiefer eintaucht als in die Abenteuer der kampferprobten Archäologin.

Denn Ritter Iwein und seine Geschichte erscheinen dem Betrachter dreidimensional. Zumindest in Schmalkalden, auf Schloss Wilhelmsburg. Mit beträchtlichem technischen Aufwand und dabei in relativ kurzer Zeit haben dort Museumschef Kai Lehmann sowie die einheimische Firma MWP das Projekt gestemmt. Lehmann spricht von 70 Hochleistungscomputern, die die 60 000 Bilder des Animationsfilms verarbeitet haben und dabei an jedem einzelnen Bild elf Minuten rechneten.

Spontaner Applaus

Das Ergebnis soll nun den Besuchern die Geschichte hinter den Wandmalereien des Iwein-Epos im Schmalkaldener Hessenhof erzählen. An den knapp 800 Jahre alten Originalen im historischen Gebäude hat der Zahn der Zeit so weit genagt, dass sie für die Öffentlichkeit längst nicht mehr zugänglich sind. Der Raum wurde deshalb in einem Keller von Schloss Wilhelmsburg nachgebaut vor Jahren, die Bilder – immerhin die ältesten weltlichen Wandmalereien nördlich der Alpen – in ihrem heutigen Zustand nachgemalt. Der Film erweckt die etwas verworrene Sage um eine folgenreiche Mutprobe am Zauberbrunnen tatsächlich zum Leben. Bei der ersten offiziellen Vorführung am Donnerstag spendeten die geladenen Gäste ob der dreidimensionalen Wirkung spontan Applaus.

Zwei mit speziellen Polarisationsfiltern ausgestattete Beamer projizieren die leicht versetzt „aufgenommen“ Bilder auf eine Leinwand. Die verschiedenen Filter lassen dabei jeweils verschieden gerichtete Lichtstrahlen passieren. Auf der Leinwand entsteht ein verschwommen wirkendes Bild, weil sozusagen zwei Bilder übereinander liegen.

Zeitalter der Animation

Der Aha-Effekt setzt ein, sobald der Betrachter die notwendige Brille aufsetzt, welche aus den gleichen Polarisationsfiltern besteht, die auch in den Beamern zum Einsatz kommen. Dadurch sieht jedes Auge nur „sein“ Bild, das Gehirn montiert die Sinneseindrücke zu einer dreidimensionalen Wirklichkeit – wie beim normalen Sehen eben auch.

Die Zeit der Mythen wird plötzlich zum Greifen nah, computergenerierte Figuren leben auf. Vögel scheinen nicht auf der Leinwand, sondern davor zu fliegen. Von Bäumen fallende Blätter möchte man spontan vom Boden aufheben, den Pferden zur Beruhigung auf den Hals klopfen.

Freilich, nicht alles ist perfekt, an manchen Szenen müssen die Programmierer noch etwas feilen, mitunter hetzt der Sprecher allzu schnell durch die umfangreiche Geschichte. Doch die fesselt allemal, und dafür, dass eine dreidimensionale Geschichtsstunde im Museum ihresgleichen weit und breit vergeblich sucht, ist sie gut gelungen. „Wir leben im Zeitalter der Animation“, kommentiert der zehnjährige Premierengast Felix Ernemann in fachmännischem Ton treffend wie ein Soziologe.

VON FRANK HOMMEL

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