Zeitreise in die Welt von Ritter Iwein - Freies Wort 19.07.07

Ab morgen ist das Versepos von Hartmann von der Aue auf Schloss Wilhelmsburg virtuell erlebbar

Zeitreise in die Welt von Ritter Iwein

Das Lampenfieber steigt: Heute Abend feiert ein thüringenweit einmaliges Projekt, die virtuelle Auferstehung der ältesten Profanmalereien nördlich der Alpen, nach dem Versepos Iwein des Hartmann von der Aue, seine Premiere vor geladenen Gästen. Ab morgen kann jedermann die virtuelle Zeitreise in die Sagenwelt von König Artus beginnen.

SCHMALKALDEN Im ehemals ebenerdig gelegenen Empfangsraum des heutigen Hessenhofes wurden um 1220/30 Szenen aus dem damals sehr beliebten Iwein-Epos des Hartmann von der Aue, in Secco-Technik auf das Tonnengewölbe gemalt. In Schmalkalden verabschiedet sich die heilige Elisabeth nachweislich von ihrem Gatten, dem thüringischen Landgrafen Ludwig IV., der von hier aus am 24. Juni 1227 in den Kreuzzug aufbrach, von dem er nicht wiederkehren sollte. Die Iwein-Malereien sind ein authentisches Zeugnis aus dieser Zeit: Die heilige Elisabeth hat sie gesehen, vielleicht fand die Verabschiedung sogar in diesem Raum statt, da der heutige Hessenhof damals der Amtssitz der thüringischen Landgrafen war. Das Projekt, das heute Abend vor einem Kreis geladener Gäste, erstmals vorgestellt wird, reiht sich also auch in die Aktivitäten zum Elisabethjahr ein.

Die Originalmalereien im heutigen Hessenhof sind aus konservatorischen Gründen geschützt. Seit 1996 ist eine 1:1 Raumkopie auf Schloss Wilhelmsburg zu besichtigen. Ob der Komplexität des Epos und vor allem des Erhaltungszustandes der Malereien wurde nun ein im musealen Bereich bisher einmaliges 3-D-Projekt realisiert, um diesen kulturhistorischen Schatz erlebbarer zu machen.

Es handelt sich hierbei um eine passive Stereoprojektion. Mittels zweier Hochleistungs-Beamer und einer speziellen Filtertechnik wird jeweils ein separater Film, für das linke und rechte Auge getrennt, dargestellt. Der Zuschauer erhält für die Vorführung eine Filterbrille, die es ihm ermöglicht, die getrennt projizierten Filme als räumliche Projektion dreidimensional wahrzunehmen. Durch diese Technologie wird der Betrachter virtuell in das Geschehen mit einbezogen und bekommt das Gefühl, ein aktiver Teil der Iwein-Sage zu sein. Auf einer fünf Meter breiten Leinwand taucht der Zuschauer für 20 Minuten in die Welt des Mittelalters ein, erlebt hautnah das furchtbare Unwetter am Zauberbrunnen, trifft den Waldmenschen mit der Keule, ist zwischen zwei Fallgattern gefangen, kämpft zu Pferde gegen Asaklon. Und natürlich spielt auch die Liebe eine große Rolle. Nach dem der Museumsbesucher mittels modernster Computertechnik mit dem Iwein-Epos vertraut gemacht wurde, schließt sich eine Führung durch die 1:1 Raumkopie im Schloss an.

Das Konzept stammt aus der Feder von Kai Lehmann. In der jungen Firma wmp-consulting GmbH & Co.KG, Eingründer im TGF Schmalkalden, fand der Museumsdirektor und promovierte Historiker einen fachlich kompetenten Partner, der das Know-how besitzt und den erforderlichen Biss, den die Umsetzung eines solchen Projekts erfordert. Etwa 30 Personen haben an der 3-D-Animation gearbeitet, sagt Geschäftsführer Christian Wolf-Müller, der sich nach seinem Wirtschaftsinformatikstudium an der Fachhochschule Schmalkalden selbstständig machte. Fünf feste und fünf freie Mitarbeiter gehören mittlerweile zu seiner Firma.

Der technische Aufwand für die Herstellung der 20-minütigen Zeitreise zum Ritter der Tafelrunde ist enorm. Die Herstellung könnte mit der Produktion eines Zeichentrickfilmes verglichen werden. Allein eine fünf- bis sechsminütige Szene besteht aus 5000 Bildern.

Der Film ist ein Hingucker, sind sich Wolf-Müller und Lehmann einig. Aufgrund der kurzen Zeit die Macher hatten nur sechs Monate zur Verfügung müsse man mit Kompromissen leben. Vorerst. Denn: Wir werden weiter feilen, sagt der junge Mann. Bei einer solchen Produktion gebe es eigentlich kein Ende.

An der Qualität aber gab es keine Abstriche, versichert der Museumschef. Er ist sich sicher, dass viele Leute mehrmals aufs Schloss kommen werden, um Iwein und seine Zeit kennenzulernen. Die Flut der Informationen müsse erst einmal verarbeitet werden, so Lehmann.

Die 3-D-Animation soll zu einem touristischen Renner werden, fest installiert auf Schloss Wilhelmsburg und mit ihrer Einzigartigkeit Gäste von überall her anziehen. Auch Marina Heldt, Leiterin der Tourist-Information, ist gespannt auf die heutige Premiere. Den Werdegang der Produktion hat sie genauso aufmerksam verfolgt wie der Zweckverband Kultur als Mitfinanzier. (red/sö)

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